2008
Zeitungen: Time to say good bye
“Hom se gschriebn”, haben meine Eltern immer zu mir gesagt. Damit haben sie zum Ausdruck gebracht, was in der Zeitung steht, müsse stimmen. Unreflektiert. Sakrosankte Schreibe. Schöne Zeit für Journalisten. War.
Erstmals kam im Oktober 2008 eine deutsche Studie drauf, dass das Internet die klassischen Geschäftsmodelle von auf Print spezialisierten Medienkonzernen erodiert. Vorbei die gönnerhaften Parabeln der Zeitungszaren vom Ergänzungsmedium Internet oder von der Begleitmusik im Internet. Sozusagen: Wir leisten uns eine Internet-Redaktion. Jetzt ist Killermedium Internet. Zumindest fast.
These 1: “Abgeschriebenes” Papier.
Nach dieser Studie informieren sich in Deutschland bereits mehr als 50 Prozent der Hochschul- und Fachschulabsolventen nicht mehr in der Zeitung, sondern im Internet. Es entstehe nichts anderes als eine völlig neue Informationskultur”, sagt Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher (Allensbach führte die Studie in Deutschland durch). Damit umschreibt sie: Das gesamte Informationsgeschäft ist einer Erosion unterworfen, deren Ausläufer heute niemand abschätzen kann. Die Ablöse der Zeitungen als wichtigste Info-Quelle gilt für die (überaus werbe-wertvolle) Zielgruppe der 20 bis 39-Jährigen. Nun, was bleibt dem “abgeschriebenen” Papier? Nur mehr die Altsemester? Ich wollte das in den vergangenen zehn Jahren nicht glauben und war mir sicher: Es gibt eine Ko-Existenz zwischen Digits und Papier. Jetzt glaub ich das nicht mehr. Papier wird´s immer geben, aber nur mehr für Bücher und Qualitätsjournalismus. Ob Qualitätsjournalismus auf Tagesbasis zu machen ist - ich kann es mir nicht vorstellen. Deshalb: Heute glaubt man nicht mehr alles, was in Tageszeitungen steht. Meine Eltern sind (im wahrsten Sinn des Wortes) halbert tot. Ich glaub nicht mehr, was da drin steht - und meine Tochter wird´s nicht mal mehr lesen. Qualitätsmagazine ja, Tageszeitungen: Die werden so erbittert gegeneinander kämpfen, dass ein, zwei übrig bleiben. Denen könnte man man wieder glauben.
These 2: Verlagsbosse können klonen.
Arbeitnehmerverbände veröffentlichen jedes Jahr, wie gemein Unternehmer sind. Sie lassen ihre Arbeiter und Angestellte jedes Jahr länger schuften. Jedes Jahr mehr Überstunden. Jedes Jahr weniger Krankenstände. Manchester-Liberalismus.Verlags-Geschäftsführer veröffentlichen jedes Halbjahr eine steigende Auflagenzahl ihrer Print-Titel. Da steigen alle Kennziffern: Die verbreitete und die verkaufte Auflage.Onlinedienste-Geschäftsführer (der gleichen Verlage) veröffentlichen jeden Tag steigende Unique-Clients-Zahlen für ihre Plattformen. Die Lösung dieses gordischen Knotens: Es gibt mich zwei Mal. In einem Parallel-Universum gibt´s mich noch mal. Dort konsumiere ich 1:1 die Medien des diesseitigen Universums ein weiteres Mal. Und das ergibt dann eins. Anders, als ohne dieses Parallel-Universums-Cloning kann ich mir nämlich nicht vorstellen, dass die Kennziffern laufend wachsen, weil mein Tag nur 24 Stunden hat und ich immer weniger in Medienkonsum stecke, sondern die Zeit lieber für´s Nachdenken nutze, wer mich warum anlügt. Und damit der Wahrheit schon ziemlich nahe komme. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit freilich. Und dann bediene ich mich auch eines Umfrage-Tools: Ich frage einfach meine Freunde, wie die es halten: Gleich!An dieser Stelle muss ich vielen unserer neuen ausländischen Mitbürger mal wieder mit einem Wort eine reinwürgen (sorry): Wer von den Verlagsmanagern türkt hier was?
These 3: Marketing-Stellen werden en gros frei.
Wenn ich Hochschulabsolvent mit Spezialrichtung Marketing und Medienwirtschaft wäre (bin ich leider nicht), ich würde mich sofort bei regionalen Banken, Versicherungen, Brauereien usw. bewerben. Da reichen ein paar Stehersätze wie: “Lieber Herr Bankvorstand, ich hole Ihnen aus ihrem Mediabudget das Doppelte heraus. Denn, was der jetzige Marketing-Mann glaubt, glaub ich niemals. Die Auflage der Zeitung XY kann nicht so hoch sein, weil Kärnten nur 560.000 Einwohner hat. Und nach den Kennziffern, die die Anzeigenfritzen ihrem Marketing-Menschen vorgaukeln, müsste Kärnten 3,6 Millionen Einwohner haben. Und, wenn das der Fall ist, geh ich gleich nach Berlin arbeiten. Die haben nämlich wirklich so viele Menschen (und viel mehr Kneipen, nebenbei).” Und schon war´s das für den alten Marketing-Chef. Da werden Jobs frei, dass es nur so plätschert.
These 4: Time to say good bye.
“Hom se gschriebn” war gut, is´ aber aus.
These 5: Titanic-Schicksal für Print-Muttis.
Österreichische Medienkonzerne sind hartgesotten. Sie gewinnen überall. Ob Print oder Web, sie legen laufend zu. Das sagen sie zumindest. Sieht man sich im Firmenbuch die Jahresbilanzen an, wird deutlich: Die dahinvegetierenden Online-GmbH´s von erfolgreichen (, aber auch von unerfolgreichen) Print-Titeln sind im Eigenkapital mit Millionen im Minus. Warum: Weil sie konzeptlos dahindümpeln. Jetzt kommt das Verzwickte: Die Print-Mutter, an deren Zitzen die Online-Partie hängt, beginnt - bedingt durch die Medienüberfülle - an Leser zu verlieren. Damit verliert sie Werbeeinnahmen. Im Online-Business ist aber - ohne Konzept (und sei es ein angeschlossener Handel) - nichts zu verdienen. News is for free. Die Rezession - kann ich nicht mehr hören - ist im Anmarsch. Online und der Rosige-Zeiten-Allmacht-Komplex der Verlagsbosse, der einen Titel nach dem anderen aus dem Blätterwald schießen lies, werden angestammte Zeitungen nach unten reißen. Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger gibt das jetzt erstmals zu: Seine Print-Ausgabe habe im letzten Jahr fünf Prozent Leser verloren. Und ob er im Online-Geschäft schon was verdiene, wisse er nicht. Zugegeben: Der Guradian ist online so gut aufgestellt, mit Konzept gefahren, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit was zu verdienen geben wird.
In den USA ist das Mediensterben bereits Wirklichkeit - wie die Immobilienkrise auch Wirklichkeit war und zu uns rüber kam … Und ich kenne in .at kein Online-Medium, das konzeptionell fährt - außer derstandard.at.
Nettoinhalt.at - Was zwischen den Zeilen steht.


